Dekanat

Die Glocken des Freiburger Münsters

Geschichte der Glocken
Andreas Philipp
 
Die Anfänge der Glockengeschichte des Münsters liegen im Dunkeln. Dank glücklicher historischer Umstände ist jedoch die Entwicklung des Geläutes in den letzten 750 Jahren fast lückenlos zu verfolgen.
 
Die Geschichte des Münstergeläutes hat sich durch sechs Jahrhunderte in großer Kontinuität vollzogen, ist jedoch in jüngerer Zeit durch zwei große Umbrüche geprägt: in den Jahren 1841/43 und 1959 wurden fast alle bis dahin jeweils erhaltenen Glocken durch Neuguß ersetzt.
 
Den Anlaß zu der ersten Umwälzung gab die Erhebung des Münsters zur Metropolitankirche im Zuge der Errichtung der neuen Erzdiözese Freiburg. Die zweitgrößte Glocke des aus dem 13. bis 18. Jahrhundert stammenden Geläutes war in dieser Zeit zersprungen und mußte umgegossen werden. Das Metropolitankapitel entschied sich damals dafür, sieben Glocken einschmelzen und acht neue gießen zu lassen, denen ein Jahr später durch Stiftungen von Geistlichen zwei weitere Glocken hinzugefügt werden konnten. Den Auftrag führte die Firma Carl Rosenlächer in Konstanz aus. Sie lieferte ein Geläute mit den Tönen b° d' f' fis' a' b' cis" d" f" b", von dem nach dem Geschmack dieser Zeit stets nur harmonische Teilmotive erklangen. Vom vorherigen Bestand blieben die Festtagsglocke Hosanna von 1258, das Silberglöckchen aus dem 13. Jahrhundert und das Vesperglöckchen von 1606 erhalten.
 
Das Rosenlächergeläute überdauerte nur kurze Zeit. Bereits 1866 zersprang die kleinste Glocke und wurde durch den Freiburger Glockengießer Johann Baptist Koch umgegossen. Der Erste Weltkrieg forderte fünf Glocken des Münsters, darunter die vier kleinsten Glocken des Hauptgeläutes. Sie wurden 1927 durch neue Glocken der Fa. Grüninger in Villingen ersetzt, die jedoch bereits 1942 zusammen mit den beiden nächstgrößeren Glocken Rosenlächers (a' und b') und dem mittelalterlichen Silberglöckchen abgeliefert werden mußten. Das Silberglöckchen kehrte zwar 1947 aus dem Glockenlager in Hamburg zurück, zersprang jedoch 1948 und wird heute im Münster aufbewahrt. Auch die b'-Glocke konnte zurückgeführt und wieder im Münster aufgehängt werden. Im Jahre 1950 stiftete ein Schweizer eine g'-Glocke, so daß das Geläute aus der Hosanna mit dem Ton es', den Rosenlächerglocken b° d' f' fis' b' und der modernen Glocke g' bestand. Das Festgeläute bildeten damals die Glocken b° d' f' g' b'.
 

ChristusglockeIm Jahre 1959 schlossen sich Erzbischof Schäufele und das Metropolitankapitel dem Rat der Glockensachverständigen Rolli und Prof. Stemmer an, den Torso nicht zu ergänzen, sondern bis auf die Hosanna, das Vesperglöckchen und das Silberglöckchen vollständig zu ersetzen.
 
So entstand am 29. September 1959 in drei Güssen bei Meister Friedrich Wilhelm Schilling in Heidelberg ein fünfzehnstimmiges Geläut, das am 18. Oktober von Erzbischof Dr. Schäufele geweiht wurde. Es bildet eine Mollgruppe, die sich durch zweieinhalb Oktaven erstreckt. Auch die kleineren Glocken können sich klanglich gut durchsetzen, da sie im Vergleich zur Grundglocke schwerer gegossen wurden. Das Münstergeläute war eines der ersten in Deutschland, bei denen diese Rippenprogression angewandt wurde.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
HosannaglockeAus dem Mittelalter ist uns in der Hosanna ein bedeutendes Erbe überkommen. Sie entstand wenige Jahre nach dem Tode des letzten staufischen Königs und ist eine der größten erhaltenen Glocken ihrer Zeit. Derzeit ist weder in Baden noch in den benachbarten Regionen eine weitere Glocke aus derselben Werkstatt bekannt. Die Hosanna war fast 600 Jahre lang die größte und damit die Festglocke des Münsters.
 
Sie wurde auch aufgrund besonderer Stiftungen zu festgelegten Zeiten geläutet; so erinnert sie heute noch am Donnerstag nach dem Abendangelus an die Angst Christi am Ölberg und am Freitag um 11.00 Uhr an die Kreuzigung. Am Samstagabend ruft sie zum Gebet für die Verstorbenen der Woche.
Auch im Rechtsleben der Stadt Freiburg hatte die Hosanna bei der Einberufung der Gerichtsversammlung sowie als Brand- und Sturmglocke eine hohe Bedeutung.
 
Die im 19. Jahrhundert aufgekommene Vermutung, die Hosanna sei aufgrund ihrer Inschrift als „älteste Angelusglocke Deutschlands" anzusehen, läßt sich nicht mehr halten.
Während die Hosanna gegenüber dem Rosenlächergeläute um einen Viertelton tiefer stand und spätestens seit 1842 nur noch solistisch erklingen konnte, steht das moderne Geläute in der Stimmungslinie so, daß sich die Hosanna nahtlos einfügt. Sie kann daher mit ihrer unverwechselbaren, schwermütigen Stimme manches Teilmotiv bereichern.
 
 
 
Historische Glocken
Nr.
Schlagton
Name
Gewicht (kg)
Durchmesser
(mm)
Gußjahr
I
es'
Hosanna
3290
1607/1614
1258
II
a''
Taufglocke (Südquerhaus)
~ 95
~ 550
unb.
III
h ''
Vesperglöckchen
81
510
1606
VI
f '''
Silberglöckchen
32
352
13. Jh.
 
 
 
 
 
 
Moderne Glocken - Gießer: F.W. Schilling
Nr.
Schlagton
Name
Gewicht (kg)
Durchmesser
(mm)
Gußjahr
1
Christus
6856
2133
alle 1959
2
Petrus
3917
1774
3
c'
Paulus
2644
1566
4
d'
Maria
2290
1490
5
f'
Josef
1354
1242
6
g'
Nikolaus von Flüe
958
1095
7
a'
Johannes
913
1081
8
b'
Jakobus
803
1022
9
c''
Konrad
560
903
10
d''
Bernhard
381
798
11
f''
Lambert u. Alexander
212
670
12
g''
Michael
149
594
13
a''
Schutzengel
150
575
14
c'''
Odilia
112
505
15
d'''
Magnificat
79
465
 

 
CD
CD Glocken Andreas PhilippDie musikalische Vielfalt des Geläutes ist durch eine CD dokumentiert, die etwa 30 verschiedene Glockenmotive vorstellt, darunter einige Kombinationen mit der mittelalterlichen Hosanna und das Plenum der 15 modernen Glocken. Die CD ist zum Preis von 13,-- EUR zzgl. MwSt auf dem Münsterturm, im Münsterladen in der Alten Münsterbauhütte oder per Onlinebestellung (s.u.) erhältlich.
 
 

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Hörbeispiele

 
 Auf die mittelalterliche Hosanna baut sich das Salve-Regina-Motiv auf. (es' g' b' c'')

 

 
 
Das Vollgeläute aller 15 modernen Glocken. Die Christusglocke (g°) setzt hörbar ein.
 
 
 
Das Salve-Regina-Motiv mit den kleinsten Glocken (f'',a'',c''',d'''), gefolgt von einem festlichen sechsstimmigen Kleingeläut.
(d'', f'', g'', a'', c''', d''')
 
© Andreas Philipp, 2001