Über dem Altar hängt das gro8e Kreuz. Der Christuskörper und die beiden großen Figuren über den Seitentüren (Maria und Johannes) sind 1909 von Josef Dettlinger als Imitation des Wechselburger Triumphkreuzes gefertigt worden. Es sind Eichenholzfiguren in Gold- und Silberfarbe gefasst.
Diese ursprüngliche Farbgebung ist wieder aufgenommen worden, weil die Romanik in Jesus, dem Gekreuzigten zugleich auch den erhöhten Herrn verehrt. Der Leidende am Kreuz ist der Herr. Der Sterbende erneuert das Leben. Im Kreuz ist das Geheimnis der wahren Herrlichkeit. Symbole und Zeichen sind vielfältig zu deuten: Der senkrechte Balken endet oben in einer Blattform, und unten ist ein Gebilde zu sehen, das einem Zweig ähnelt. Das Kreuz ist auch der Lebensbaum.
In der religiösen Symbolik gibt es den Weltenbaum. Er steht fest verwurzelt in der Erde, durchdringt den Lebensbereich der Menschen, und er reicht in die Sphäre des Himmels hinein. Der Weltenbaum verbindet Himmel und Erde, Menschenwelt und Gottheit.
Das Kreuz hoch über dem Altar ist dieser Weltenbaum. Und wenn nun jemand an den Altar tritt, dann stellt er sich in die senkrechte Linie des Baumes. Er ergänzt ein Stück, das fehlt. Gott will Menschen an diesem Platz haben. In der Beziehung zu Gott geht es nicht um Blitze und Bäume, um Strahlungen und Energien, es geht um uns Menschen selbst. Jeder kann direkt mit Gott in Verbindung treten, jeder, der vertraut, und jeder, der sich mit den anderen zusammen unter das Kreuz stellt.
Befestigt ist das Kreuz an drei Seilen. Sie kommen aus den Ecken des Dreieckes, dem Zeichen Gottes. Das heißt: Gott hat seinen Sohn ”herabgelassen” in unsere Welt. Er hängt jetzt mitten drin in unserer Menschenwelt. Und er kommt nicht mehr heraus. Er will es auch nicht. Von Anfang an wollte er diesen Platz mitten unter uns einnehmen. Oben kommt aus dem Dreieck auch der Geist Gottes in Gestalt der Taube und in Form der Feuerzungen, die sich überallhin ausbreiten. Dreieck, Heiliger Geist und Kreuz, das ist eigentlich ein ”Gnadenstuhl” in moderner Form.
Schauen wir schließlich noch auf die Kreuzesbalken, so sehen wir an den Enden die Symbole von Sonne, Mond und Erde. Der da hängt, ist der Herr von allem. Nach seinem Bild wurde alles geschaffen, und am Ende wird er, der Christus, auch im Kosmos offenbar werden.
Besonders die Erdkugel unten am Kreuz fällt auf. Menschen unserer Generation sahen unseren Heimatplaneten so zum ersten Mal aus der Tiefe des Weltraumes. Tiefblau, kostbar und wunderschön. Weit drau8en entdeckten sie ihre Liebe zu ihm. Und vielleicht ist die Darstellung in der St.-Michaelskirche eine der ersten künstlerischen Verarbeitungen dieses Eindrucks unseres Weltraumzeitalters.
Im Kirchenraum nimmt die blaue Erdkugel eine zentrale Stelle ein. Ihr Blau spiegelt sich in den Konchen und der gesamten Kirchenausmalung. Und so ist die blaue Erdkugel wie der letzte Tupfer mit dem Pinsel, der gerade noch gefehlt hat, um das Bild zu vollenden.
Die Erde an einem so wichtigen Punkt – dazu noch in den Bereich des Kreuzes fest integriert –, dies ist ein Zeichen der Hoffnung für die Menschen, dies kann dem Beter Kraft geben, in der Fürbitte für unseren Planeten und seine Bewohner nicht nachzulassen.