Stadtkirche Heidelberg: "Wir hätten mutiger sein sollen."

"Best practice-Beispiel" nennt man das auf Neudeutsch: Mal gucken, wie die das gemacht haben, bei denen es schon läuft. Per Videoschalte war die Stadtkirche Heidelberg in der Freiburger Dekanatskonferenz zu Gast.

Johannes Brandt (Leitender Pfarrer) und Judith Schmitt-Helfferich (Pastoralreferentin) können aus dem Nähkästchen plaudern, wenn es um den Zusammenschluss zu einer Stadtkirche geht. Sie haben das in Heidelberg bereits hinter sich: diesen Prozess, der dort bereits 2008 mit 14 Pfarreien in fünf Seelsorgeeinheiten begonnen hatte und dann 2015 zur Bildung einer Stadtkirche führte. Mehr als 200 Personen hatten sich damals am Prozessstrukturplan beteiligt, herausgekommen ist ein "Buch der Empfehlungen", in dem das Erarbeitete zu etlichen Unterthemen wie z.B. Verwaltung, Kindergärten, Sakramente etc. niedergelegt ist. 

Modell Thementisch

"Wir entwickeln das natürlich immer noch weiter, das ist ein kontinuierlicher Prozess", meinen beide in ihrem Vortrag vor den Teilnehmenden der Freiburger Dekanatskonferenz Anfang Oktober. Dennoch haben sich manche Formate in Heidelberg offenbar bewährt und stoßen auf Interesse auch in Freiburger Ohren: So zum Beispiel das Modell, übergreifende pastorale Aufgaben als "Thementische" zu organisieren, an denen Haupt- und Ehrenamtliche zusammenkommen und gemeinsam Verantwortung tragen. Davon gibt es in Heidelberg fünf: Kinder/ Familie, Jugend/ Junge Erwachsene, Missionarische Pastoral, Caritas/ Senioren/ Kranke/ Trauerpastoral und Öffentlichkeitsarbeit. "An solch einem Thementisch kann dann beispielsweise auch eine Gemeindereferentin die Hauptverantwortung tragen", erläutert Schmitt-Helfferich. "Alle anderen sind dann "nur" Mitarbeiter - das gilt auch für Priester", ergänzt sie.

Ein Koordinierungskreis steuert

Koordiniert werden die Thementische plus drei Fachstellen (Ökumene/ Interreligiöser Dialog, Engagementförderung und Prävention)  im Koordinierungskreis: Ihm gehören neben dem Leitenden Pfarrer der Vorstand des Pfarrgemeinderates und die Vertreter der Thementische an.

Engagementförderung

Die Engagementförderung müsse sich stets behutsam auf dem schmalen Grat "zwischen Zutrauen und Nicht-Überfordern" bewegen; hauptamtlich besetzt mit einer 50-Prozent-Stelle, konnten hier hilfreiche Elemente eingeführt werden: So gibt es Startermappen für neue Pfarrgemeinderät*innen und  "wir haben eine grundsätzliche Danke-Kultur entwickelt", ist die Pastoralreferentin überzeugt. 

Was kann Freiburg von Heidelberg lernen?

  • Das bestehende Heidelberger Organigramm liefert eine gute Vorlage, um für Freiburg geprüft zu werden.
  • Gute Erfahrungen wurden damit gemacht, spezifische Mailadressen zu verwenden wie "firmung@ .. " oder "bestattung@...." So komme alles zuverlässig dahin, wo es hingehöre oder werde entsprechend weitergeleitet. "Unsere dezentrale Präsenz in den Pfarrämtern war zuvor auch schon fragil gewesen, mit der Erreichbarkeit über Telefon und E-Mail haben wir hier eine viel größere Zuverlässigkeit erzielt", sagen die beiden.
  • "Man muss nicht an jedem Ort und in jeder Kirche eine Gottesdienstversorgung anstreben." Was für Freiburger Ohren noch herausfordernd klingt, ergänzen die Heidelberger um den Zusatz: "Lieber besondere Orte in der Stadt stärken!"
  • Gründungsmythos: Mit einem großen Fest in der Stadt hat Heidelberg 2015 die Gründung der Stadtkirche gefeiert. Und seither werden einzelne Zwischenetappen immer wieder gestaltet und gefeiert: mit kleinen Festen, Pilgerwegen, Gebeten...
  • Manche Fragen seien weiterhin offen: Wer trifft Entscheidungen? Was bedeutet die Verantwortung für einen Thementisch konkret? Wie leben wir mit den Rollenveränderungen?
  • Fazit der beiden Gesprächspartner ist: "Wir hätten manchmal mutiger sein können, etwas wagen, anstatt nur das Alte bewahren zu wollen."

Was ist in Freiburg anders?

In der anschließenden Diskussion der Dekanatskonferenz kamen folgende Rückmeldungen zur Präsentation:
  • Hauptunterschied zum Heidelberger Vorbild ist sicherlich, dass der Zusammenschluss nicht auf Eigeninitiative beruht, sondern in Freiburg gezwungenermaßen erfolgt.
  • Damit einher geht die Tatsache, dass Heidelberg weitaus mehr Zeit zur Verfügung hatte.
  • Heidelberg hat die Grenzen der ursprünglichen Seelsorgeeinheiten komplett überwunden: Ist das auch Freiburgs Weg?
  • Die Thementische wurden sehr positiv bewertet, Freiburg brauche aber wohl mehr als fünf.
  • In Freiburg sind noch andere Themen zusätzlich zu berücksichtigen: z.B. die muttersprachlichen Gemeinden
Für Dekan Alexander Halter ergab sich abschließend aus dem Heidelberger Best practice-Beispiel und den Diskussionen für Freiburg auch ein großes Motivationspotenzial: "Wir dürfen mit Wohlwollen füreinander, Zutrauen, Vertrauen und Optimismus weiter vorangehen." Es zeige sich doch, dass man Fehler machen und dann auch wieder korrigieren dürfe. Am 1.1.2026 werde auch kein Hebel umgelegt und danach sei plötzlich alles anders. "Die Welt wird sich weiterdrehen."